Keine Steuern zahlen

25 Okt Seasteading – von digitalen Nomaden und Feuchtgebieten

Jeden Tag mit einer neue Kulisse vor der Nase aufwachen. Nach seinen eigenen Regeln leben. Selbst bestimmen, ob und wie viele Steuern man zahlen will. Und wofür sie ausgegeben werden.

Klingt utopisch? Ist es stückweit auch. Trotzdem arbeiten Leute an dieser Idee.

Die Rede ist von „Seasteading“ – eine Begriffsfusion aus sea und homesteading, also aus Meer und Besiedlung. Wichtiger als das Äußere eines Worts sind natürlich seine inneren Werte. Und da hat Seasteading einiges zu bieten.

Das Wort steht für die Idee, dem Menschen Lebensraum auf dem Meer zu erschließen und in dem Zuge neue Regierungen zu gründen. Mehrere, viele, tausende – sodass für jeden Landflüchtigen ein passendes Konzept dabei ist.

Eine deutsche Wort-Variante gibt es auch, klingt aber weniger elegant: „Seenahme“. Abgeleitet von Landnahme.

DER KEN UND DER WAYNE (UND DER PATRI)

Klar. So eine Wortneuschöpfung schießt nicht von alleine aus dem Boden. Tatsächlich haben zwei Typen den Begriff unabhängig voneinander in den 80er und 90er Jahren definiert: Ken Neumeyer schrieb 1981 das Buch „Sailing the Farm“ und Wayne Gramlich 1998 den Artikel „Seasteading – Homesteading auf hoher See“.

I have learned from many years of sailing that the ocean is the safest place on the planet – but the shore will ruin you… I’d rather have a well stocked sailboat and the ability to sail it anywhere in the world than money in a bank that might fail, a job from which I might be laid off, a government pension that might dry up. - Ken Neumeyer

Waynes Artikel zog die Aufmerksamkeit von Patri Friedman auf sich. Der schmiss daraufhin seinen Job bei Google, immerhin hat er schon lange nach einem Land für sich gesucht und keines gefunden, wurde Waynes Buddy und gründete mit ihm 2008 das Seasteading-Institut, um die Errichtung autonomer, mobiler Gemeinschaften auf schwimmenden Plattformen in internationalen Gewässern zu erleichtern. Daraufhin wurde der Paypal-(Mit-)Gründer Peter Thiel ein Freund der Sache – und investierte 500.000 US-Dollar.

Insofern ist die Utopie also Ernst. Das Seasteading-Institut hat einen eigenen Botschafter und hält eine Jahreskonferenz. Auf der ersten sagte Patri: „Wenn Seasteading eine realisierbare Alternative wird, braucht man für den Wechsel von einer Regierung zur anderen nur zur anderen hinzusegeln und muss dafür nicht einmal das Haus verlassen.“

In einem FAZ-Interview erklärte er außerdem: „Unser Land ist viel zu schwerfällig. Stellen Sie sich ein Regierungs- und Steuersystem, also diese ganze Ansammlung von Regeln und Gesetzen, einmal als eine Technologie vor. Mit Technologien sollte man doch experimentieren, und man muss sagen, dass wir sehr wenig experimentieren! Das Staatssystem ist eine Technologie – und es gibt in diesem Sektor überhaupt keine Start-Ups. Wir möchten den Menschen ermöglichen, mit Staatsformen zu experimentieren und so Fortschritt ermöglichen.“

SEASTEADING ARCHITEKTUR

Aber wie können solche Seasteads aussehen? Was für eine Architektur kann es schaffen, dauerhaft Leben auf dem Wasser zu ermöglichen?

Kriterien sind, dass die Inseln mobil und veränderbar sein sollen, so können sie aneinander andocken und sich wieder trennen. Schließlich will man ja flexibel bleiben – und das Prinzip der Seasteads beruht auch auf einer freien Wohnortwahl. Insofern tauchen im Netz Entwürfe auf, bei denen es sich um modifizierte Kreuzfahrtschiffe, ungenutzte Bohrinseln oder alte Flak-Plattformen handelt.

Interessant ist, dass das Seasteading-Institut selbst nicht den Bau eines Seasteads plant, da es sich als Non-Profit-Organisation sieht. Die Aufgaben geben sie stattdessen nach draußen.

Insgesamt befasst sich das Seasteading-Institut mit drei Bereichen:

1. Aufbau einer Gemeinschaft

2. Forschung

3. Unterstützung für den Bau der ersten Seasteads

STATUS QUO – DAS FLOATING CITY PROJEKT

Natürlich sind sich die Seasteading-Institutler im Klaren darüber, dass es von der Idee zur Umsetzung ein weiter Weg ist. Auf ihrer Website erklären sie, dass es Jahrzehnte dauern wird, das Ganze auf die Beine zu stellen. Trotzdem sind sie davon überzeugt, dass es in vielen Jahren Seasteads geben soll – und auch davon, dass diese wirtschaftliche Bedeutung haben werden.

Floating City Project

Im Moment dreht sich alles um das Floating City Project, das das erste Seastead werden soll. Die Ziele: In Sachen Technologie, Gesetzen und Finanzierung ein Nachhaltiges Konzept entwickeln. Und noch wichtiger: Das Leben auf dem Seastead soll für Otto Normal-auf-dem-Wasser-Lebende bezahlbar sein, sodass überhaupt ein wirtschaftlicher Anreiz besteht, auf Seasteads zu ziehen (momentan treibt die komplexe Hochseetechnik die Preise aber noch in die Höhe).

Den Weg zur Realisierung hat das Institut in zwei Phasen mit jeweils kleinen Zwischenschritten unterteilt:

Phase I

Das Floating City Project kombiniert zwei Dinge: Prinzipien eines Seasteads und einer Startup-Stadt, wobei das Gewässer einer bestehenden Nation genutzt werden soll. Warum keine neue Nation gründen, fragt man sich. Das Seasteading-Institut begründet die Sache so:

  1. Kosten: Es ist weniger teuer, Seasteads auf ruhigen Gewässern zu bauen als auf offener See. Und das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen hat folgende Regel: Außerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszone von 200 Seemeilen, also 370 Kilometer, unterliegt die hohe See keinen Gesetzen. Fährt ein Schiff unter der Flagge einer Nation durch diese Gewässer, unterliegt es dessen Gesetze.
  1. Erschließung: Man kommt leichter von Land auf Seastead. So fallen Familienbesuche und auch die Ernährung leichter.
  1. Man kann den bestehenden internationalen Rechtsrahmen mit dazugehörigen Schutzmechanismen und Verantwortlichkeiten nutzen.

Phase I gliedert sich also in folgende Teilphasen:

1. Floating City Project Phase I (abgeschlossen)

Eine Machbarkeitsstudie hat sich mit Punkten wie Nachfrage, Sicherheit und Baukosten befasst.

2. Crowdfunding für den Entwurf (abgeschlossen)

Für die Floating City hat sich das Institut die DeltaSync an Land gezogen (klingt nicht ganz unironisch). Dabei handelt es sich um eine dänische Firma, die sich auf „schwimmende Urbanisierung“ spezialisiert hat. Insgesamt wurden 27.000 US-Dollar gesammelt. Hier die Indiegogo Crowdfunding Kampagne mit all ihren Details.

Kohle spenden und selbst Ideen einbringen kann übrigens jeder. Dafür haben Patri und seine Freunde verschiedene Instituts-Mitgliedschaften eingerichtet: Seepferdchen zahlen jährlich 25 Euro, Quallen 100 Euro und Delphine greifen 600 Euro tief in die Tasche.

3. Potenzielle Bewohner (läuft)

Es werden Daten von potenziellen Bewohnern gesammelt, um eine Umfrage zu starten. Abgefragt werden Anforderungen an Voll- und Teilzeitbewohner. Wer weder Seepferdchen noch Delphin sein will, kann immerhin seine Meinung mit einem Fragebogen abgeben.

4. Entwürfe (abgeschlossen)

Die DeltaSync hat einen Entwurf vorgeschlagen, der eine Hofbebauung auf einer Plattform vorschlägt. Hier können theoretisch 360 Leute leben. Mehr Infos zum Entwurf: http://www.seasteading.org/semi-submersible-seastead-community-feasibility/

5. Location wählen

Experten untersuchen Standorte für einen möglichen Seastead. Hier geht es momentan aber noch darum, ein „Gastgeberland“ zu finden.

Phase II

Im zweiten Abschnitt geht es vor allem darum, die Schritte aus Phase I zu schärfen.

  1. Weiterentwicklung der Entwürfe, die Wellentanktests und die Finanzierbarkeit im Detail
  2. Vertiefung der diplomatischen Verhandlungen mit verschiedenen potenziellen Gastländern
  3. Feedback von möglichen Bewohnern auswerten
  4. Sponsoren auftreiben (nächste Kategorie ist vielleicht dann die Wal-Mitgliedschaft)

DER POSEIDON-AWARD

Um die Entwicklungen anzukurbeln, hat sich das Seastead-Institut einen Motivationstreiber einfallen lassen. Mit verschiedenen Awards, die ins Leben gerufen wurden. Darunter ist auch der Poseidon-Award. Er wird für die Verwirklichung des ersten unabhängigen Seasteads vergeben, der als Pionier weitere Entwicklungen ankurbeln soll.

Kriterien:

  • der Seastead muss mindestens 50 dauerhafte Bewohner haben
  • er muss finanziell auf eigenen Bojen schwimmen
  • auf dem freien Markt Grundbesitz anbieten
  • und politisch unabhängig sein

Zu gewinnen gibt es das Poseidon-Monumentum – Namen von Sponsoren werden darauf eingemeißelt. Vorrangig soll der Preis aber als Meilenstein in der Seastead-Geschichte verstanden werden.

REALISIERTE KONZEPTE

Keine Gesetze, keine Steuern, keine Wohnsitzangabepflicht fürs Finanzamt –  klingt in digitalen Nomaden-ohren paradiesisch. Man könnte sich aus allen Kompliziertheiten, Bürokratien und Pflichten des eigenen Staates heraus ziehen und auf dem Wasser leben.

Aber. Keine Gesetze bedeuten auch keine Vorteile durch Gesetze wie Sicherheit und Menschenrechte zu haben. Echt unabhängige Seasteads auf hoher See wären Wind, Wellen, Stürmen, Tsunamis ausgesetzt. Wie schafft man Stromversorgung, woher bekommt man Nahrungsmittel, was ist mit Müllentsorgung? Seasteads in ruhigen Gewässern sind von einem Gastland abhängig. Und das Beispiel des Floating City Projects zeigt leider, dass die große Idee des souveränen Seasteads mit bezahlbarem Wohnraum für alle noch nicht so bald verwirklicht ist.

Trotzdem gibt es schon einige Beispiele, die der Idee des Seasteads nahe kommen. Und die, naja… zum Teil auch gescheitert sind.

1. Fürstentum Sealand

Sealand ist – oder war – eine umstrittene Mikronation auf einer ehemaligen Flak-Pattform, knapp zehn Kilometer vor der Küste von Suffolk, England. Die Plattform wurde 1967 von Paddy Roy Bates besetzt als Staat proklamiert – ein Ex-Major der British Army.

Bates verteidigte Sealand juristisch und mit Waffen, um die Souveränität seines Staates zu erreichen. Die Anerkennung wurde aber international verweigert, da Sealand nicht die Voraussetzungen für einen Staat erfüllte. Außerdem befand sich die Flak-Plattform inmitten britischer Hoheitsgewässer.

2. New Atlantis

Ein vergleichbares Projekt war die Mikronation New Atlantis, etwa 15 Kilometer vor Jamaikas Küste gelegen. Die Architektur bildete ein 30 Quadratmeter großes Floß. Tatsächlich wurde New Atlantis von Leicester Hemingway gegründet – dem kleinen Bruder von Ernest Hemingway. Der wählte sich selbst zum Präsidenten, gab eine eigene Währung und Briefmarken heraus. Außerdem lebten hier ein CIA-Agent und die Schwester eines Mafia-Bosses Seite an Seite. 1966 versank New Atlantis im Sturm.

3. Ephemerisle

Ein etwas anderer Maßstab, zugegeben, ist das Kunst- und Kultur-Festival Ephemerisle auf dem Wasser. Es findet einmal jährlich im San Joaquin River Delta in Kalifornien statt. Ziel des Festivals ist ein ähnliches, wie das des Seasteading-Instituts: Eine Gemeinschaft (in dem Fall temporär) auf dem Wasser lebender Individuen zu schaffen. Beim Festival sollen sie sich Jahr für Jahr für zunehmend längere Zeiträume schaffen und eine Seasteading-Kultur und -Gemeinschaft bilden.

4. Women on Waves

Weiter draußen im Meer – also da, wo der rechtsfreie Raum greift, – ermöglicht die Organisation Women on Waves Frauen eine Abtreibung, in deren Ländern das strengen Regeln unterliegt.

5. The World

Und auch die Wohlhabenden unter uns nutzen Seasteading-Vorteile. Indem sie auf Yachten leben. Der Luxusdampfer für Dauerbewohner The World umkreist sozusagen ununterbrochen den Globus. Die Yacht gehört dabei den Bewohnern gemeinschaftlich – und so werden auch die Entscheidungen getroffen.

Wohnungen sind knapp 30 oder auch knapp 400 Quadratmeter groß und kosten 1 oder 13 Milliarden US-Dollar. Kein Wunder leben auf dem Luxusseastead 130 der reichsten Familien der Welt.

MENSCH, MASCHINE UND MEER

Nicht nur für digitale Nomaden, Wasserliebhaber und nach neuen Rechtsräumen Suchende sind das Seasteading-Prinzip und seine verwandten Konzepte attraktiv. Auch Firmen wie Google und Microsoft wollen schon aufs Meer. Immerhin gibt es da jede Menge Platz, das Wasser kann zum Beispiel die Kühlung von Unterwasser-Rechenzentren übernehmen – und Datenschutzfragen werden vom rechtsfreien Raum beantwortet.

Während man von Googles Plänen seit 2013 nicht mehr viel hört (als vor San Francisco ein riesiger Lastkahn auftauchte), gibt es bei Microsoft aktuellere Infos. Hier gibt es schon ein Prototypsystem, dass sich drei Monate lang in zehn Metern Tiefe befand. Die Internetverbindung funktioniert unter Wasser über Glasfaserkabel. 100 Sensoren überprüften Faktoren wie Feuchtigkeit, Druck oder Bewegungen.

Wer weiß – vielleicht leben wir in einigen Jahrzehnten in direkter Nachbarschaft zu Rechenzentren auf dem Meer. Dann wäre die Frage nach der Internetverbindung auf dem Seastead schonmal geklärt.

Work smart, not hard.

Unterschrift

6 Comments
  • Norbert
    Veröffentlicht um 15:40h, 15 November Antworten

    Sehr cooles Konzept und interessant hier auch ein paar Beispiele zu sehen, wo Seasteading mehr oder weniger erfolgreich umgesetzt wurde.

    Ich glaube irgendwann wird in dieser Richtung noch etwas echt Großes passieren…

  • Lana_SHON
    Veröffentlicht um 19:44h, 24 November Antworten

    Echt sehr informativ und hilfreich. Danke!

  • Steffen
    Veröffentlicht um 21:33h, 02 Februar Antworten

    Sehr gut geschrieben und wirklich informativ, habe von Seasteading noch nicht wirklich viel gehört. Kann mir aber gut vorstellen das, dass mal eine Erfahrung wert wäre.

    • Bastian
      Veröffentlicht um 07:48h, 03 Februar Antworten

      Danke Steffen,
      bin auch sehr gespannt, was da noch kommen mag. Aber auf Dauer wird es mit Sicherheit weitere coole Modelle – auch für Normalsterbliche – geben.

      LG
      Bastian

  • Julian Wilms
    Veröffentlicht um 01:19h, 25 April Antworten

    Geniales Konzept! Interessant ein Paar Beispiele sehen zu dürfen, wo Seasteading mehr oder weniger erfolgreich umgesetzt wurde. New Atlantis hat mir besonders gefallen!
    Man kann aufjedenfall noch großes in diesem Zweig erwarten!
    Interessant geschrieben Bastian
    Gruß

    • Bastian
      Veröffentlicht um 06:10h, 02 Mai Antworten

      Dank dir Julian, bin auch gespannt, was da noch so kommen mag.

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