Warum Pendeln scheiße ist…

Was wäre, wenn Arbeit kein Ort mehr wäre? Wenn das „Büro“ dort wäre, wo du es grade möchtest und du nicht jeden Morgen unter Zeitdruck und bei fiesem Wetter vor die Tür müsstest?

Trotz Home-Office-Trend, Digitalisierung, Skype & Co. wächst die Zahl der Menschen, die täglich weite Wege zu ihrem Arbeitsplatz auf sich nehmen. Wenn du mich fragst, zersägt nichts die Nerven so zuverlässig wie tägliches Pendeln. Insbesondere wenn man seinen Job nicht mag und schon auf dem Weg dorthin gedanklich bei der Arbeit ist. Einige nutzen die Fahrt zum Träumen, andere zum Lesen oder zur Vorbereitung auf die Arbeit. Aber verdammt oft steht man in Bus und Bahn wie in einer Konserve, weil man den Kampf um einen Sitzplatz verloren hat und dann war’s das mit der Arbeitswegroutine.

Wieder andere pendeln gar über hundert Kilometer auf der Autobahn zur Arbeit, stehen täglich zweimal eine Stunde im Großstadtstau und lassen das Gefühl von vergeudeter Lebenszeit im Auto an sich nagen. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber 60 Prozent der in Deutschland zugelassenen Autos sind Dienstwagen! Ein Dienstwagen scheint immer noch ein großer Anreiz für viele Arbeitnehmer zu sein, sich das Chaos Tag für Tag anzutun.

DIE KILOMETERMILLIONÄRE

In längst vergessenen Zeiten haben sich die Menschen – mangels Verkehrsmittel – ihre Arbeit dort gesucht, wo sie lebten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verließ gerade einmal jeder Zehnte Berufstätige auf dem Weg zur Arbeit seinen Wohnort. Vor 60 Jahren war es noch jeder Vierte. Heute verlassen sage und schreibe stolze 60 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ihre Ortsgrenze um zu arbeiten. Das sind in Deutschland über 17 Millionen Menschen!

8,5 Millionen davon, sind tagtäglich länger als eine Stunde unterwegs zwischen ihrem Zuhause und der vermeintlichen Wirkungsstätte. Dazu kommen etwa eine Million Wochenendpendler und gut sechs Millionen, die es noch weiter zur Arbeit haben als 25 Kilometer. Allein Letztere bringen es, alle zusammengerechnet, jeden Tag auf die Strecke zur Sonne und zurück! Schade, dass man auf diese Art keine Meilen sammeln kann.

Die Extrempendler, die man im ICE an der schwarzen Vielfahrer-Bahncard erkennt, im Stau am resignierten Gesichtsausdruck, oder an der Bushaltestelle mit ständigen Blick auf die Uhr, gehören zu jenen 1,5 Millionen in Deutschland die sogar mehr als 50 Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt leben. Manche von ihnen leisten sich eine Zweitwohnung, statt sich jeden Morgen dem Kampf zu stellen – das eigentliche Zuhause fürs Wochenende und ein Zimmer in Büronähe, was nahe liegt, wenn man es sich leisten kann. Die Pendelbereitschaft steigt mit höherem Einkommen und höherer Qualifikation, aber auch dieser Trend verschwimmt immer mehr. Denn grade Leute mit geringerem Einkommen und mangelnder Qualifikation, können sich ihren Job oft nicht aussuchen.

Früher hab ich mir oft versucht einzureden, dass die Fahrt zur und von der Arbeit mich entspannen könnte, oder ich sie produktiv nutzen könnte. Immerhin produktiver als beim Autofahren. Schließlich haben sich andere scheinbar perfekt in ihrer Situation eingerichtet. Coffee to go, Stöpsel in den Ohren, Laptop auf dem Schoß und iPhone in der Hand – fertig ist das Office to go. Man könnte fast denken, es mit einem Lifestyle-Phänomen zu tun zu haben. Aber die ungewisse Abfahrt und Ankunft des Zuges, die Angst, ihn zu verpassen, keinen Sitzplatz zu bekommen, das Zusammengepferchtsein mit Fremden, löst einer britischen Studie zufolge bei Pendlern größere Stressspitzen aus als bei Jetpiloten im Kampfeinsatz. Kontrollverlust bedeutet immer eine hohe Belastung.

Im vergangenen Herbst beispielsweise, blockierten Sturmschäden wochenlang die Strecken, im Winter fallen gern mal wegen vereister Gleise multiple Züge aus. Wenn man dann noch alles Menschenmögliche tut um nicht zu spät zu kommen, hat man bereits 2 Stunden Frühsport hinter sich und kommt völlig verschwitzt und gestresst im Büro an.

WARUM PENDELN KRANK MACHT

Was macht der Weg zur Arbeit also mit dem Arbeitnehmer? Bei vielen leidet die Partnerschaft, die Familie. Fast alle sind gestresst. Und manche werden krank. Wundern tut das kaum, denn Pendler müssen morgens früher raus, kommen abends später Heim und verbringen die wertvollen Stunden, die andere zur Erholung nutzen können, im Auto oder der Bahn. Da bleiben nicht nur viel Zeit und Geld, sondern auch Nerven auf der Strecke. Fernpendler sind daher besonders anfällig für Krankheiten und leiden unter stetiger Zeitnot. Kontrollen beim Zahnarzt oder die Behandlung der Rückenbeschwerden schieben sie Woche für Woche vor sich her, der Hausarzt wird nur besucht, wenn es gar nicht mehr geht, oder man wirklich mal einen Tag blau machen muss um wieder runter zu kommen…

Wer nicht zwei Drittel des Tages für sich hat, ist ein Sklave - Nietzsche

An Sport, gar im Verein mit anderen, ist ohnehin nicht zu denken. Dazu kommt das ungesunde Essen, denn Extrempendler essen nicht. Sie nehmen allenfalls Nahrung auf. Und die Nahrungsaufnahme darf nicht viel Zeit kosten: McDonalds, Burger King, Automaten am Gleis. Als Autofahrer steht man an den zahlreichen Tankstellen auf dem Weg nach Hause vor der Wahl: Frikadelle mit Brötchen oder Bifi. Zuhause dann noch selber kochen? Fehlanzeige. Irgendwo muss man ja die vergeudete Zeit wieder einsparen.

DER WITZ  WORK-LIFE-BALANCE

Egal wie man den Begriff interpretiert, der allzeit perfekte Ausgleich, die virtuose Balance zwischen Beruf und Privatleben gelingt nicht. Kann sie auch nicht. Sie ist ein Mythos. Wenn man 8 Stunden arbeitet und 2 Stunden oder mehr unterwegs ist, wo sollen weitere 8 Stunden herkommen wenn man nicht das Schlafen aufgibt?

Ich bin an sich kein großer Fan einer Trennung von Arbeit und Freizeit, weil mir Spaß macht was ich tue und ich es nicht per se als Arbeit empfinde. Zumal diese ganze Work-Life-Balance Diskussion sowieso völlig hirnverbrannt ist. Warum? Weil sie eine Vorannahme in sich trägt. Nämlich, dass man eine Balance halten muss, zwischen Gutem und Bösem, Ying und Yang, Leben und Arbeit. Aber Ausgleich muss nur dort geschaffen werden, wo es zuviel von einer Sache und zuwenig von der anderen gibt. Und gleichzeitig ist die Wortkreation auch wertend. Nämlich „Work“ ist das Übel, das durch „Life“ ausgeglichen werden soll. Soll das bedeuten, dass die ganze Zeit, die du auf der Arbeit und mit Pendeln verbringst nicht dein Leben ist?

Fakt ist, der täglich anstehende Weg zur Arbeit, bringt die Vorstellung einer Work-Life-Balance ziemlich ins Wanken.

Und wie lange pendelst DU täglich?

work smart, not hard.

Unterschrift

Foto: Leo Correa
8 Comments
  • Julia
    Veröffentlicht um 15:22h, 11 Mai Antworten

    Hey Bastian…
    Das Thema habe ich auch schonmal behandelt (der Artikel wird wieder sichtbar, wenn meine Page wieder online geht) und ich muss sagen, was ich damals geschrieben habe, muss ich heute zum Teil wiederlegen.

    Durch meine Anstellung habe ich täglich 75 Kilometer zurück gelegt. Da mein Büro in einer eher ländlichen Gegend lag (liegt, wenn ich ehrlich bin, noch hab ich ja nicht gekündigt…), waren das täglich 3 – 4 Stunden mit der S-Bahn und dem RE.

    Anfangs fand ich das noch gut. Die ersten zwei Monate im Job habe ich die Zeit tatsächlich genutzt um zu entspannen und dann abends in die Freizeitaktivitäten einzusteigen. Da war ich abends joggen, habe mit Freunden gekocht, …
    Dann fing ich an, zu lesen, weil ich das Gefühl hatte, auf der Arbeit zu verdummen. Es gab keinen neuen Input mehr und ich bin einfach süchtig nach Wissen. Dummerweise kam mir dabei das Buch über ortsunabhängiges Arbeiten von Tim Chimoy in die Finger… damit fing das Übel wohl an, denn das, was ich da schon lange in mir hab brodeln spüren, wurde nun konkret in Worte gefasst. – Ich stieg immer mehr in diese Thematik ein und nutzte meine Teilzeit-Selbstständigkeit um langsam wieder an eigenen Projekten zu arbeiten, die ich während des Studiums vernachlässigt habe. Da meine offizielle 75%-Stelle allerdings immer öfter in eine 120%-Stelle ausartete, habe ich teilweise von 0630 bis 2300 gearbeitet, wie blöde…

    Bis ich (und jetzt lasse ich sprichwörtlich die Hosen runter) wegen Burnout krank geschrieben wurde. Das ist, wie ich jetzt weiß, das Los vieler Architekten. Es hat ein knappes halbes Jahr gedauert, bis ich wieder problemlos einschlafen konnte, es hat mich beinahe meine Beziehung und viele Freundschaften gekostet. Ich war am Ende.

    Seit Anfang März rappel ich mich wieder auf und stelle mein Leben wieder auf die Beine. Ganz nach dem Motto „Entwirf dein eigenes, besseres Leben“, das auch Slogan meiner Page sein wird, mache ich das Beste aus meiner Ausbildung. – Und ich danke dir ganz ganz herzlich für deine Seite hier, denn die hilft dabei ungemein.

    Auch wenn ich dich jetzt erst kurz kenne, bin ich sicher, dass ich dich nicht mehr aus den Augen verlieren werde 😉

    LG und… entwirf dein perfektes Leben ;D
    Julia

    • Bastian
      Veröffentlicht um 17:40h, 11 Mai Antworten

      Danke Julia, für deinen ausführlichen Kommentar. Es gibt einem schon zu denken, wenn man aufgrund der Arbeit in so jungem Alter schon ausgebrannt ist. 4-5 Stunden täglich ZUSÄTZLICH zum Job sind schlichtweg eine Zumutung, egal wie ruhig die Fahrt in ländlicher Gegend sein mag. Schließlich muss jeder normale Mensch auch neben der Arbeit noch Dinge erledigen, die sich im Zug nicht erledigen lassen. Lass den Tim ruhig mal wissen, dass er diesen Schritt ausgelöst hat. Er ist ein ganz netter und wird sich freuen. Sein Buch war auch eines der ersten die ich gelesen habe…

      • Julia
        Veröffentlicht um 19:56h, 11 Mai Antworten

        Hey,
        ja, das gibt einem schon zu denken, aber ich habe mir den Burnout auch über Jahre hinweg fleißig erarbeitet. Der Job war dann nur noch der letzte Auslöser… Mein Arzt meinte damals auch, ich soll doch bitte wiederkommen, wenn ich 35 bin, ich sei noch viel zu jung für die Diagnose ; )

        Ich glaub, Tim weiß das schon, aber ich kann ihm gern nochmal Bescheid geben, damit er das auch ja nicht vergisst. ; )

  • Linda
    Veröffentlicht um 07:11h, 28 Juli Antworten

    Hallo Bastian!

    Du hast Recht – Pendeln ist einfach scheiße! 😀 man sucht sich gerne Ausreden und stempelt es als „nicht so schlimm“ ab, aber letztendlich ist es das ganz und gar nicht. Ich überlege in ein anderes Bundesland zu ziehen und müsste dann aber bei meinem jetzigen Job über 2 Stunden täglich pendeln. Anfangs dachte ich auch:“ ach da kann ich die Zeit schön im Zug nutzen.“ Aber ich glaube letztendlich ist das gar ned so einfach und chillig wie man sich das vorstellt. Wie du schon geschrieben hast: fremder (nerviger) Sitznachbar, keinen Platz finden, Zugverspätungen usw.. Da freut sich das Cortisol 😀 danke für deinen Artikel!

    Hugs,
    Linda

    • Bastian
      Veröffentlicht um 11:28h, 30 Juli Antworten

      Hey Linda,
      dank dir für deinen Kommentar. Sicherlich hängt das auch etwas mit der Region zusammen. In ländlicheren Regionen ist das Zugfahren wahrscheinlich nicht ganz so Stressbehaftet. Wohin geht’s denn?

      Liebe Grüße
      Basti

      • Linda
        Veröffentlicht um 08:52h, 27 August Antworten

        Bin aus Österreich (Niederösterreich) und wäre gern nach Oberösterreich gezogen. Aber die Pläne haben sich da schon geändert 🙂

        Hugs,
        Linda

  • Frederik W.
    Veröffentlicht um 09:19h, 23 Februar Antworten

    Also am Kochen bzw. Essen Zeit sparen, „um die vergeudete Zeit wieder ‚reinzuholen“ ist meiner Meinung nach keine sehr kluge Idee. Gut, nicht jeder kocht so gerne wie ich, aber Essen ist wie Körperpflege doch im ur-eigenen Interesse? Wünsche guten Appetit und ggfs. mehr Essensplanung – oft kann man sich zu Hause ja wenigstens ein belegtes Brot machen. Tipp: Salatat, Tomaten, Käse, Wurst, alles zusammen auf ein Butterbrot — das lässt sich auch am Steuer noch anständig kauen. Guten Appetit!
    Frederik

    • Bastian
      Veröffentlicht um 10:02h, 23 Februar Antworten

      Hey Fred,

      das mit dem Kochen ist ja nicht meine Meinung 😀
      Aber viele halten es ja so… Dann reicht es abends noch eben für den Pizzadienst.

      Guten Appetit

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