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Corona: Die Schönheit einer dreckigen Chance.

9 Min. Lesezeit

Es gibt schon genug philo­so­phische, esote­rische, wissen­schaft­liche und ideelle Diskussion in den sozialen Medien, ob alles gerade so richtig entschieden ist, wie es entschieden ist.

Ich möchte mich daran nicht betei­ligen. Nicht weil ich zu faul bin, selbst kritisch zu denken – doch weil viele Kommunikationsstile zur Zeit einfach nichts bringen. Sie haben selbst oft keine wirklichen Lösungen in petto und erzeugen einen mentalen und wütenden Brandherd nach dem nächsten.

Lasst uns daher persönlich werden. Für uns selbst, als auch als Gesellschaft. Lasst uns Covid-19 als das betrachten, was es im Kern ist: eine dreckige Chance.

The man and the woman in the mirror

 

Denn der Punkt ist immer noch dieser: Wir alle wissen immer noch sehr wenig. Wahrscheinlich ist es richtig, dass wir zumindest alle zur Zeit das Gleiche machen und viel zuhause bleiben. Ob dies nun medizi­nisch und auch in Bezug auf die wirtschaft­lichen und persön­lichen Konsequenzen gesehen wirklich sinnvoll ist, werden wir wohl erst begreifen, wenn der Sturm vorüber ist.

Die Beurteilung des Lebens wird rückwärts verstanden. Wenn überhaupt.

Doch noch ist es kurz nach Ostern 2020 und wir stehen in einem mühse­ligen Brei aus Meinungen und der Suche nach dem Ansatz, der uns alle in Bruce-Willis-Manier vor dem Untergang rettet. Und irgendwie hat das ja auch etwas sehr Besonderes für sich.

In dieser Zeit gibt es Dinge, die wir kontrol­lieren können und Dinge, die wir nicht kontrol­lieren können. Jetzt etwas an Verordnungen zu ändern, liegt sicherlich nicht im Verantwortungsbereich 99% der Menschen.

Doch was wir kontrol­lieren können, ist soviel anderes. Was unser Business, unsere Beziehungen und auch das Persönliche angeht. Und auch was die Lehre für uns als Gemeinschaft angeht. Michael Jackson war ein echter Prophet als er „Man in the mirror“ sang und uns auf sehr spezielle Art und Weise inspi­riert hat, vor der eigenen Haustür zu kehren. So let’s do just that.

Business 4.0 – Es geht doch.

 

In den Medien lese ich seit Wochen vermehrt, wie toll das doch mit den Videokonferenzen klappt. Ich denke mir dann immer – „What the fuck!?“. Hinter welchem drei Meter großen Hinkelstein müssen viele Unternehmen und die allge­meine Wahrnehmung in den letzten Jahren immer noch gelebt haben? Denn das was jetzt aus der Not heraus sich für ziemlich effektiv heraus­ge­stellt hat, ist in der Online-Szene schon seit Jahren absoluter Standard. Also ich nehme zumindest nicht jedes mal den Flieger für ein einstün­diges Meeting in Deutschland.

Auf der anderen Seite ist dieses Zufallsexperiment natürlich aber auch ein riesiges Geschenk.

Denn „wir“ erhalten endlich einen Vorgeschmack darauf, was in den nächsten Jahren auf uns zu kommt. Die Digitalisierung wird extreme Veränderungen bringen und die Gewichtung unserer aller Arbeit noch mehr Richtung „Informationen“ verschieben.

Durch die weltweite Verfügbarkeit und direkte Bereitstellung von Informationen, wird sich die Arbeitswelt verschieben. Institutionen, Universitäten und autori­tären Bildungswegen werden immer weniger Beachtung geschenkt. Denn es wird noch viel mehr darauf ankommen, was jemand kann. Private und wirklich gute und effektive Ausbildungen, sowie Selbststudien werden wichtiger werden. Und die Arbeit im Team wird mehr in Richtung „erfolg­reiches Projekt“ statt „Zeit absitzen in einem Büro“ umschwenken.

Und auch die Art und Weise unserer Arbeit wird sich verändern. Denn auf einmal sehen wir, ortsun­ab­hän­giges Arbeiten ist in vielen Fällen durchaus möglich und sogar effizi­enter. Denn im Grunde ist es doch so – wir alle arbeiten bereits ortsun­ab­hängig. Manche haben nur Exklusivverträge mit einem Arbeitgeber und sitzen dafür sehr oft zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Ohne das dies notwendig wäre.

Ich habe die große Hoffnung, dass dieser unabwendbare Schnitt gesell­schaftlich funktio­nieren kann. Zum Beispiel, wenn wir in vielen Ländern so etwas wie ein Grundeinkommen einführen. Denn Menschen, die bisher in analogen Tätigkeiten gearbeitet haben, werden sich mit einer digitalen Umstellung nicht leicht tun. Und eine Gesellschaft, in der viele Menschen auf der Strecke bleiben, klingt nicht nur moralisch scheiße, sondern führt unwei­gerlich zu viel größeren Problemen.

Wie unsere Dummheit unsere Gedanken manipu­liert.

 

Ganz zuerst – wenn ich „dumm“ schreibe, dann halte ich dies nicht für schlimm. Menschen handeln im gewissen Maße ständig dumm. Besonders in Notsituationen. Du und ich. Nicht anders ist zu erklären, dass Menschen ohne jegliche Notwendigkeit Klopapier bunkern. Doch dieser Rausch an emotio­nalen Grundtönen wie Wut und Trauer hat noch eine weitere Komponente. Er macht uns zu sehr einfach denkenden Tieren, klammert Fakten subjektiv aus und gibt uns ein sehr persönlich verschie­denes Bild der aktuellen Situation.

Zum Beispiel denken wir zur Zeit nicht gerade weit. Ich hoffe die Politik macht es trotzdem und lässt sich davon einfach nur wenig anmerken. Denn auf der einen Seite macht es ja sehr viel Sinn darüber nachzu­denken, wie wir einen scheinbar gefähr­lichen Virus eindämmen können, um Menschen zu schützen. Doch auf der anderen Seite macht es ebenso viel Sinn, die Folgedynamik sinnvoll einzu­schätzen und abzuwägen. Denn die Gefahr des Virus für den Großteil der Weltbevölkerung, ist Stand heute immer noch unkonkret. Die Todeszahl immer noch recht niedrig. Und selbst die FAZ fragt mittler­weile ganz offen, selbst wenn wir wissen, dass sich viele Menschen infizieren, ist dies überhaupt schlimm? Ist überhaupt wirklich irgendwas so anders als in voran gegan­genen Jahren? Wenn man all die Maßnahmen die wir in den Medien täglich sehen nicht ergriffen hätte, hätten wir überhaupt wirklich etwas von einem Virus gemerkt? Es ist wie mit der Kriminalitätsstatistik: Je mehr Polizei man auf die Straße schickt, desto mehr Kriminalität findet man. Das ist nahezu unwei­gerlich so.

Ich möchte mir hier kein Urteil über das Virus an sich bilden. Dazu bin ich auch nicht quali­fi­ziert. Aber ich stelle mir diese Fragen, während ich hier in Thailand sitze und weit mehr als in Deutschland damit konfron­tiert bin, wieviele Menschen hier von der Hand in den Mund leben und nur 1 Woche out-of-business verhee­rende Auswirkungen für deren Leben hat. In einem Land, in dem in 3 Tagen mehr Leute im Straßenverkehr sterben, als in 3+ Monaten an Covid-19.

Im Gegensatz dazu legen wir alles lahm. Und das könnte – mal ganz schwarz ausgemalt – Folgedynamiken entwi­ckeln, die wir nicht einfach mit „Regeln“ in den Griff bekommen. Menschen verschulden sich. Menschen bekommen mentale Krankheiten und gefähr­liche Zustände durch Einsamkeit, Panik, Existenzängste, Suizidgedanken. Die Kriminalität steigt durch finan­zielle Not und gar durch Langeweile. Genau so wie der Alkoholkonsum allein zuhaus. Dämliche Randparteien, denen jetzt die Oppositionsgrundlage entzogen wird, könnten größer als je zuvor zurück­kommen, wenn wir die wirtschaft­lichen und sozialen Wunden lecken. Ich will damit nicht sagen, dass dies alles zwangs­läufig passieren wird.

Doch es lohnt sich, mal darüber nachzu­denken und nicht nur an Jetzt zu denken. Es lohnt sich, kritische Stimmen die keine Verschwörungs-Alu-Hut-Träger sind, anzuhören und einen sachlichen Diskurs mit allen wichtigen Feldern des Lebens zu führen. Nicht nur Virologen. Denn die scheinen auch nicht flächen­de­ckend einer Meinung zu sein. Es lohnt sich, dem primi­tiven emotio­nalen Stammhirn nicht allzu viel Beachtung zu schenken und mit Verstand voraus zu denken und dann abzuwägen.

Langfristigkeit schützt vor kurzfris­tigen Ergebnissen.

 

Denn das was uns jetzt gerade um die Ohren fliegt, offenbart ein gewal­tiges Problem: Kurzfristiges Denken und Handeln führt oft zu langfris­tigen Problemen. Ein Beispiel: Wenn wir nicht auf unsere Körper achten, ist das Risiko in Zukunft vom nächsten Virus überrascht zu werden nicht so gering, als wenn wir unser Immunsystem in Schuss halten. Wenn wir unser Business nicht langfristig auf einem soliden Fundament aus Strategie, Können und Routinen ausrichten, ist es ebenfalls anfällig in Zeiten, in denen der Sturm tobt.

Diese Krise ist nämlich nicht die Ursache für das was alles gerade passiert. Gesundheitlich, wirtschaftlich, gesell­schaftlich. Sie ist Auslöser und Anlass dafür, nackte Tatsachen zu beleuchten, die vorher auch schon da waren. Das Licht in unseren vermüllten persön­lichen und gesell­schaft­lichen Wohnzimmern wurde angeknipst. Und der Fingerzeig ist deutlich: Hört auf, kurzfristig zu denken! Alles der spontanen Lustgewinnung unter­zu­ordnen. Hört auf, Ergebniskosmetik zu betreiben. Macht genau das, von dem Ihr wisst, dass es sinnvoll ist. Auch wenn es Routinen, Anstrengung und mehr Verzicht bedeutet.

Wir sind reaktive Affen

 

Denn Corona deckt den Normalzustand auf, in dem wir seit Jahren verkümmern. Ich habe das blöde Gefühl, dass wir erst die Natur brauchen, um zu sehen, wie wir unsere eigene Natur belei­digen. Um zu sehen, dass wir reaktive Affen sind.

Während unsere Großeltern bei minus 30 Grad im Krieg ausharren mussten, sitzen wir auf der Couch, warten auf unsere Essensbestellung und haben das Gefühl, dass die Welt gleich unter geht. Nebenbei konsu­mieren wir fleißig Anleitungen. Wie wir uns jetzt ein Business aufbauen. Wie wir jetzt besser meditieren. Mit welchem Film-Abo wir uns jetzt die Zeit vertreiben. Wenn Corona mir eins zeigt, dann doch die Erkenntnis, wie unselbst­ständig und verant­wor­tungslos wir bisher unser Leben geführt haben. Und dass wir alle nicht mehr in der Lage sind, mal allein zu sein. Wie kann es sein, dass wir etwas Stille mit uns selbst so schwer ertragen können? Da liegt doch echt ein ganzer Hunde-Friedhof begraben, oder nicht?

Ohne Input von aussen, geht es gar nicht mehr. Und nur eine Newszeile reicht aus, um uns in kollektive reaktive Panik verfallen zu lassen. Uns an Verschwörungstheorien oder Stayathome-Hashtag-Arien abzukämpfen, ohne uns überhaupt mal zu fragen, was das eigentlich alles mit unserem eigenen Leben zu tun hat. Vielleicht weil wir keine fucking Ahnung haben, womit wir unsere kostbare Zeit füllen könnten. Weil wir keine Ahnung haben, wer wir sind. Und weil wir keine Ahnung haben, ohne dass uns der nächste kluge Text, das nächste kluge YouTube-Video oder der nächste unver­zichtbare Online-Kurs eine Anleitung zum vermeint­lichen Selbstdenken gibt.

Ich will nicht den morali­schen Zeigefinger heben, doch nach einem Spendenaufruf den ich über Facebook und Instagram gemacht habe, um hier in Thailand jene zu unter­stützen, die weit härter von der Krise betroffen sind, war ich in den letzten Tagen in 9 Waisenheimen. Neun. Die Kinder haben sich über Essen gefreut und ein paar Snacks. Haben gestaunt über die kleinsten Kleinigkeiten. Waren dankbar für all jene Dinge, an die wir nicht einen müden Gedanken verschwenden, weil sie komplett selbst­ver­ständlich geworden sind. Und ja – damit meine ich zum Beispiel Essen, Hygiene und einen Termin beim Arzt. Und was machen wir? Wir besitzen die maßlose Arroganz, uns darüber zu beschweren, dass wir staat­liche Hilfen bekommen und gezwungen sind, uns mit uns selbst zu beschäf­tigen.

Vielleicht weil wir es so gelernt haben? Passiv zu sein? Verantwortung abzugeben, selbst wenn wir mit dem Ergebnis nicht zufrieden sind? Die Kontrolle gerne abzugeben und voll in der Bittsteller-Rolle aufzu­gehen?

Die Diktatur des eigenen Gefühls.

 

Wenn ich mir was für uns wünschen könnte: Scheiß doch mal auf gute Empfehlungen. Scheiß doch mal darauf, gerade „zu müssen“. Sich überall zu infor­mieren. Den nächsten Online-Kurs zu machen. Auf Nachrichten mit dem Titel „den Artikel musst du lesen!“ zu klicken. Sich über die zu empören, die kritisch hinter­fragen. Sich über die zu empören, die vielleicht gerade aus verständ­licher Angst mit Hashtags um sich schmeißen, weil ihnen auf der 30qm großen Terrasse neben dem Espresso-Trinken so langweilig ist. Scheiß auf Filmlisten, die es wie auf einer Sauna-Stempelkarte abzuar­beiten gilt.

Und nutze die Zeit für ehrliche Fragen, die du nur dir selbst beant­worten kannst. Wo gebe ich ungewollt Verantwortung ab? Wo will ich mehr davon? Was bedeutet Mitgefühl zu zeigen, für mich jetzt praktisch? Wen will ich auch ohne Social-Distancing nicht mehr sehen? Und wen umso mehr? Welche faulen Kompromisse kann ich jetzt über Bord werfen? Und was mache ich statt­dessen?

Diese Diktatur des eigenen Gefühls kann das Geschenk dieser Zeit werden. Denn Diktatur im Inneren, macht freier für angst­ein­flö­ßende Reize, Meinungen und antrai­nierte Konzepte im Außen. Wähle den unsicheren, unvor­her­seh­baren, dreckig-schönen Blick nach Innen. Und diese Zeit kann wirklich zum absoluten Startpunkt werden, unser Leben fernab jeglicher Fremdbestimmung ab sofort so zu führen, wie wir es schon lange wollten.

Eine dicke Umarmung und nur das Beste für dich.

Work smart, not hard.

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3 Kommentare
  • Tina
    Veröffentlicht am 22:02h, 19 April Antworten

    Sehr wertvoller Bericht und cooler Blog.
    Liebe Grüße
    Tina von Wimpernverlängerung Salzburg

  • Sebastian
    Veröffentlicht am 08:32h, 13 Mai Antworten

    Bis jetzt war ich immer nur stiller Mitleser und finde deine Beiträge super.

    Der Artikel toppt in meinen Augen gerade alles. Er ist einfach nur WOW und spricht mir unglaublich aus der Seele.

    Vielen, vielen Dank.

    Bleib gesund
    Sebastian

    • Bastian
      Veröffentlicht am 04:40h, 15 Mai Antworten

      Vielen lieben Dank Sebastian.
      All the best to you ✌🏻

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